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Deutsch – tschechisches Geschichts- und Ethikprojekt „Werkstatt der Menschlichkeit“

Je 15 SchülerInnen unseres Gymnasiums und der Základní škola Trmice arbeiten ein Jahr lang gemeinsam an der Recherche zu Menschen aus unserer Umgebung, die in politisch widrigen Zeiten den Mut aufbrachten, ihre Menschlichkeit zu bewahren und anderen Menschen zu helfen.
Unterstützt werden wir dabei von unserem Förderverein und dem Deutsch-tschechischen Zukunftsfonds.

Nach unserem Kennenlern-Treffen im März 2019 in Prag arbeiten die deutsche und tschechische Gruppe zunächst unabhängig voneinander an ihren Schulen und stellen sich die Ergebnisse bei Projekttreffen vor. Ein solches Treffen fand vom 11. – 13. Dezember 2019 in Theresienstadt statt.

 

Projekttag in Dippoldiswalde

Am 13.11.2019 trafen wir, eine Gruppe von Schülern der Klassen 9 und 10, uns, um über das Thema „Menschlichkeit“ zu recherchieren. Dieser Projekttag sollte eine Vorbereitung auf die Fahrt nach Theresienstadt sein, wo wir unsere Ergebnisse dann tschechischen Schülern präsentieren sollten.

Wir haben uns allgemein mit dem Begriff Menschlichkeit beschäftigt, aber auch mit ihrer Verankerung im Gesetz, und ihrer Geschichte. Außerdem haben wir in einer Quellenarbeit mehr über Kurt und Hertha Fuchs herausgefunden. Das Ehepaar hatte im 2. Weltkrieg Juden bei sich zu Hause versteckt.

 

Exkursion nach Theresienstadt

Am 11.12.2019 machten wir uns von Dippoldiswalde mit dem öffentlichen Verkehr auf den Weg bis nach Ústí. Dort trafen wir uns mit der tschechischen Gruppe und fuhren das letzte Stück mit dem Zug zusammen, bis wir in Theresienstadt ankamen.

In der eigentlichen Festungsanlage des KZ’s angekommen, bezogen wir unsere Zimmer und nahmen das appetitliche Mittagessen ein. Anschließend erweiterten beide Gruppen die jeweiligen Sprachkenntnisse bei einer Sprachanimationsrunde. Dies sollte uns erneut zusammenführen und als Kennenlernbasis dienen.

Das ganze Programm wurde von Tandem geleitet. Hinterher gab es für alle Abendessen und direkt im Anschluss präsentierten wir unsere Ausarbeitungen zum Thema „Was ist Menschlichkeit?“ und zur Familie Fuchs, die sich dazu entschlossen hatten, Juden unter hohem Risiko aufzunehmen.
Diese Arbeit haben wir bereits einige Wochen vor Theresienstadt in der Schule absolviert. Der Abend zog sich bis 22 Uhr in die Länge, aber mit einem schönen Buffet, was von den tschechischen Schülern angerichtet wurde, war es gar nicht so schlimm.

Dieser erste Tag war sehr toll organisiert und brachte jede Menge Spaß mit, was man allen in den Gesichtern ansehen konnte.

An unserem zweiten Tag in Theresienstadt besichtigten wir nach dem Frühstück in der Magdeburger Kaserne das ehemalige Ghetto. Zuerst besuchten wir das Ghettomuseum und erfuhren dort viel über den Alltag in Theresienstadt, vor allem über das Leben der Kinder. Wir waren besonders darüber erschrocken, wie viele jüdische Kinder im Ghetto ihr Leben verloren haben. In einem Raum waren alle Wände mit Tafeln bedeckt, auf denen die Namen dieser Kinder standen.

Danach wurden wir weiter durch die Stadt geführt, unter anderem über den Marktplatz, wo man uns mehr über die Geschichte Theresienstadts erzählte. Die Nazis hatten damals die komplette Stadt so umgestaltet, dass die Kommission des Internationalen Roten Kreuzes glaubte, die Juden hätten dort ein schönes Leben. Theresienstadt wurde also zu einer Art Vorzeigeghetto.

In einem kleinen Hinterhof sahen wir uns eine alte jüdische Gebetskammer und eine sehr kleine Wohnung an, in der wahrscheinlich eine jüdische Familie gewohnt hatte. Für uns war es unvorstellbar, zu fünft auf gerade einmal ca. 20 m2 zu leben.

Eines der bedrückendsten Erlebnisse an diesem Tag war für viele die Besichtigung des ehemaligen Krematoriums und des jüdischen Friedhofs, auf dem tausende Opfer des Holocausts begraben liegen. Alles im Krematorium war so restauriert, dass man denken könnte, es sei eben erst verlassen worden, was das Ganze um einiges unheimlicher machte.

Zurück in unserer Unterkunft zeigte uns eine Mitarbeiterin der Gedenkstätte noch einen nachgebauten Schlafsaal der Juden, in dem bis zu 60 Leute auf kleinstem Raum leben mussten und oft mit Krankheiten oder Ungeziefer zu kämpfen hatten.

Nach dem Mittagessen konnten wir mit einer Zeitzeugin über ihre Erlebnisse zur Zeit des Holocausts sprechen. Sie erzählte uns alles über ihre Zeit in Theresienstadt, den Transport nach Auschwitz, die Arbeit dort und schließlich über ihre Befreiung durch die Rote Armee. Wir schätzen es wirklich sehr, dass wir diese Gelegenheit hatten, denn es werden immer weniger Zeitzeugen, die ihre Geschichte erzählen können. Bald ist es an uns, gegen das Vergessen zu kämpfen.

Am Nachmittag hatten wir einen sehr interessanten Workshop zum Thema „Zuschauereffekt“. Wir stellten uns die Frage, warum nur so wenige Menschen den Verfolgten im Nationalsozialismus halfen und die meisten nur zusahen, ohne Widerstand zu leisten. Einer der Hauptgründe dafür war die Angst, vom Nazi-Regime für die Hilfe bestraft oder sogar hingerichtet zu werden. Darüber hinaus beschäftigten wir uns mit dem Preis „Gerechte unter den Völkern“, der von der Gedenkstätte Yad Vashem an Leute vergeben wird, die unter großem Risiko Juden versteckt oder ihnen anderweitig geholfen haben.

Abends ließen wir den Tag mit unseren tschechischen Mitschülern beim gemeinsamen Musizieren oder mit verschieden Spielen ausklingen und auch von der etwas beklemmenden Stimmung, die sich bei diesen ernsten Themen aufbaute, spürte man nichts mehr.

Nach vielen eindrücklichen Erlebnissen fielen wir schließlich müde ins Bett, schon gespannt auf den nächsten Tag.

Nach einem schönen, ereignisreichen, sehr lustigen und vor allem sehr langen Abend mit den tschechischen Schülern war es erstaunlich alle, mehr oder weniger munter, pünktlich beim Frühstück anzutreffen. Als sich alle gestärkt hatten und die Sachen gepackt waren, machten wir uns auf den Weg zu der kleinen Festung von Theresienstadt. Die Führung durch das alte Gestapo-Gefängnis, welches auch schon im ersten Weltkrieg als Gefängnis genutzt wurde, war sehr interessant und eindrucksvoll. In den Zellen zu stehen, wo viele Menschen so großes Leid erlitten haben und die Wege zu gehen, die die Gefangenen einige Jahre zuvor gegangen sind, hat bei uns allen ein beklemmendes Gefühl hinterlassen. Um mal einen Vergleich herzustellen: wir schliefen zu viert in einem Zimmer und etwa die Hälfte unseres Zimmers war ungefähr die Größe einer Zelle für später bis zu 60 Juden.

Die Geschichte eines Mannes ist bei uns allen besonders hängengeblieben. Gavrilo Princip wurde im 1. Weltkrieg nach seinem Attentat auf den österreichischen Thronfolger auf der kleinen Festung eingesperrt und musste dann 1,5 Jahre angekettet in einer Dunkelzelle auf dem nackten, kalten Boden um das Überleben kämpfen. Als er schwer krank wurde, schickte man ihn in ein Krankenhaus mit der Absicht, ihn, nachdem er wieder etwas bei Kräften war, weiter zu quälen. Man kann wohl sagen zu seinem Glück, starb er noch im Krankenhaus. Es war für uns alle einfach unvorstellbar, was Menschen sich damals ausgedacht haben, um ihren Mitmenschen auf grausamste Weisen zu schaden.

Nach der Führung kehrten wir in unsere Herberge zurück, um die Zeit bis zur Abfahrt zu nutzen, die vergangen Tage Revue passieren zu lassen. Es war schön zu sehen, dass es den Schülern aus beiden Schulen sehr gut gefallen hat und die drei Tage in Theresienstadt für jeden eine Bereicherung waren. Uns allen wird das Gesehene und Gehörte noch sehr lange in Erinnerung bleiben.

Dann ging es los zum Bahnhof, wobei unsere Lehrer uns den Fußmarsch von der Anreise ersparten.

Zu unser aller Freude und wegen enttäuschten Hoffnungen bezüglich eines Weihnachtsmarktes in Theresienstadt, machten wir noch einen Zwischenstopp auf dem Weihnachtsmarkt in Ústí nad Labem. Dort führten uns die tschechischen Schüler durch ihre, zugegeben echt coole Stadt.

Als wir dann in Richtung Bahnhof aufbrachen, war die Stimmung bedrückt und der Abschied viel vielen von uns recht schwer. Es hatten sich in der kurzen Zeit tolle Freundschaften gebildet und wir alle hoffen auf ein weiteres Treffen.

Am Busbahnhof in Dippoldiswalde endete die dreitägige Exkursion und wir denken, alle haben viel aus dieser Zeit in Theresienstadt mitgenommen und wir sind sehr dankbar, dass uns diese Art von Eindrücken in die Geschichte ermöglicht wird.

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